Verschnürungen aus Stahl

Verschnürungen und Stahl - diese beiden Begrifflichkeiten scheinen im ersten Moment nicht zusammen zu passen. Das gilt aber nicht für den Metallbildhauer Hans-Dieter Heckes, der sich mit großer Leidenschaft dieser Thematik widmet. Erfahrt hier, wie er über sein Heldenprojekt berichtet.

Wie alles begann…

Aufgewachsen bin ich auf einem Kotten (landwirtschaftlicher Nebenerwerbsbetrieb) am Niederrhein. Der nächste Nachbar war mehrere 100 Meter weit weg, so habe ich als Kind viel Zeit alleine verbracht. Weil es damals kein Fernsehen oder ähnliche Ablenkungen gab, habe ich viel gezeichnet und gebastelt. Zur Verfügung stand mir ständig Abfallholz, weil mein Vater Schreiner war. Bei uns zu Hause wie auch auf den Bauernhöfen der Nachbarschaft waren zur schnellen Reparatur der Landmaschinen ein Elektroschweißgerät, Winkelschleifer und was man an Geräten noch brauchte, oft vorhanden. Zu Hause habe ich die ersten Plastiken aus Stahl zusammengeschweißt. Die Materialien Holz und Stahl haben mich somit schon seit meiner Kindheit fasziniert. So wie ich als Kind mit den Holzresten aus der Werkstatt meines Vaters Phantasieobjekte zusammengebaut habe, habe ich das später mit Flacheisen, Rund- und Rechteckrohren gemacht.

Das große Interesse für die Arbeiten mit Metall setzte sich in der Ausbildung fort

In der Großindustrie bei Krupp Maschinen und Stahlbau Rheinhausen habe ich dann nach Abschluss der Schule eine Ausbildung zum Technischen Zeichner gemacht. Zu dieser Ausbildung gehört eine anderthalbjährige praktische Ausbildung. In der Lehrwerkstatt habe ich zusammen mit den Maschinen- und Stahlbauschlossern die allgemeine Grundausbildung vom Feilen bis hin zu Schmieden und Schweißen gemacht. Hier habe ich die unterschiedlichen Be- und Verarbeitungsmöglichkeiten des Materials kennengelernt.Während des daran anschließenden Architekturstudiums habe ich in der Werkkunstschule Trier im Rahmen des Studiums, das damals noch eine künstlerische Ausrichtung hatte, mit ersten freien Arbeiten angefangen. Diese künstlerische Beschäftigung habe ich immer beibehalten, auch während meines Kunstgeschichtsstudiums in Berlin und auch über die gesamte berufliche Tätigkeit als wissenschaftlicher Referent in der historischen Bauforschung (Bauarchäologie). Jetzt als Rentner hoffe ich, viele der Entwürfe der letzten 20-30 Jahre umsetzen zu können.

Die Geburtsstunde der Verschnürungen aus Stahl

Die ersten Arbeiten, die ich zur Gruppe der Verschnürungen zählen würde, waren quadratische oder rechteckige Bleche mit einem besonders schönen und interessanten Rostbild auf der Oberfläche. Diese vier bis sechs Millimeter starken Bleche habe ich mit dem Schneidbrenner in gleichmäßige Stücke zerschnitten. Weil ein gerader, sauber ausgeführter Trennschnitt aber langweilig wirken kann, habe ich den Brennschnitt mit zitterndem Strich ausgeführt. Der zitternde Strich wird bei Freihandzeichnungen verwendet und gibt der Zeichnung im Gegensatz zum geraden Strich an einem Lineal ein lebendiges Aussehen. Weil technische Zeichnungen immer mit geraden und exakten Strichen arbeiten, sehen sie im Gegensatz zu Freihandzeichnungen auch so erschreckend nüchtern aus. So habe ich dann meine Schnitte sehr zittrig ausgeführt und zudem den Brenner zu fett eingestellt, so dass das Material an den Brandschnitten aufschmolz und ein schönes Tropfenbild entstand. Diese Blechplatten habe ich dann mit Eisenklammern wieder zu einem Quadrat oder Rechteck verbunden. So sind dann die ersten „Verschnürungen“ entstanden. Irgendwann habe ich dann diese Bleche nicht mehr mit einer einfachen Klammer verbunden, sondern habe das perfekter gemacht, wie bei einem Kettenglied. Aus den Kettengliedern ist dann irgendwann die Verschnürung geworden, die so aussieht, als wäre sie aus Leder, Seil oder Faden.

Ich habe mit kleinen zerschnittenen und verklammerten Stahlplatten angefangen. Im nächsten Schritt sind daraus zwei oder mehrere größere Platten geworden, die ich mittels der Verschnürung verbunden habe. Die quadratischen oder rechteckigen Platten sind dann größer geworden, die Verschnürung dann wilder und chaotischer, dann wieder ruhiger, dafür die Bleche dann nicht mehr nur rechteckig, sondern drei- oder vieleckig. Schließlich habe ich die Bleche nur angeschnitten, wie bei einer Verletzung und wieder verbunden oder einfach gar nur eine Zierverschnürung in einem intakten Blech. Die Variationen dieses Prinzips führten zu den unterschiedlichen Objekten und der Prozess geht immer weiter.

Zur Entstehung und Herstellung der Verschnürungen

Schweißen und Erhitzen ganz klassisch mit Acetylen und Sauerstoff, früher auch Schneiden (heute benutze ich oft einen leistungsfähigen Plasma Schneider) sind die hauptsächlichen Arbeitsschritte bei meiner Arbeit.

Auch hatte ich schon sehr früh ein großes Schutzgasschweißgerät und alle Geräte, die man in einer Metallwerkstatt braucht, Ständerbohrmaschine mit weitem Auslegerarm, eine Magnetbohrmaschine für die Bohrungen, wo die Ständerbohrmaschine nicht mehr geht, eine Biegemaschine und zuletzt habe ich mir einen richtig guten Plasmaschneider angeschafft.

Meine Arbeiten zeichnen sich durch ein hohes Maß an Beharrlichkeit aus. Oft stehe ich stundenlang an der Bohrmaschine, um die notwendigen Bohrlöcher in die Stahlplatten zu bringen oder ich schneide und biege stundenlang die Monier- oder Rundeisen vor, um sie dann anschließend zu verschweißen. Ziel ist es, dass die Verschweißung so perfekt wird, dass sie möglichst nicht zu erkennen ist. Auch die Eisen sollten stramm anliegen, damit die Illusion einer echten Verschnürung entsteht. Außerdem versuche ich, möglichst vorsichtig mit der Rost- oder der Walzoberfläche umzugehen, die oftmals unzerstört erhalten bleiben soll, weil sie eine eigene ästhetische Qualität hat.

Nicht nur Stahl, sondern auch Holz spielen bei Hans-Dieter Heckes Arbeiten eine Rolle

Mit Holz und Stahl beschäftige ich mich schon sehr lange, so ist eine der frühen Holzstelen bereits im Frankfurter Katalog (1990) abgebildet. Von uraltem Eichenholz, oft mehrere Jahrhunderte alt, geht eine besondere Faszination aus. Zu dem Zeitpunkt, als die ersten Arbeiten mit reinen Zierverschnürungen auf unbearbeiteten Stahlblechen mit ihrer originalen Patina entstanden, war der naheliegende Schritt, auch mit anderen Trägermaterialien zu experimentieren, nicht sehr weit. Das Verschnüren von einzelnen Teilen beschränkte sich im Laufe der Zeit nicht nur auf Stahlblechplatten, sondern auch auf Walzprofile. So gibt es zum Beispiel mehrere Arbeiten, bei denen ich Doppel-T-Träger nicht ganz rechtwinklig zerschnitten und sie dann leicht verdreht mittels meiner Schnürungen wieder zusammengefügt habe. Durch die leichte Schiefstellung der einzelnen Segmente bekommt der Doppel-T-Träger eine irritierende Form und einen völlig anderen Charakter.

Die Formfindung bei den Stahl-Holzobjekten ist ein Prozess, der meist, wie auch bei mir, mit einem einzelnen alten Eichenbalken anfängt. In den nächsten Schritten habe ich dann mehrere mit der Kettensäge abgelängte Eichenbalken verbunden, auch hier die Längsschnitte nicht rechtwinklig ausgeführt, dann Formen geschnitten und sie zu Gruppen zusammengestellt. Wenn die gruppierten Stahl-Holzobjekte dann in ihrer Silhouette an imaginäre Hochhaus Skylines oder an Silhouetten alter Industriekomplexe erinnern, so war das von mir anfangs nicht geplant. Es hat sich im Arbeitsprozess entwickelt. Der Umgang mit dem Material führt oft zu Ergebnissen, die ich so von vornherein nicht geplant habe. Habe ich einmal eine mich ansprechende Variante vielleicht sogar mehr oder weniger zufällig gefunden, so variiere ich diese und das führt dann womöglich wieder zu einer gänzlich neuen Arbeit und so weiter und so weiter.

Die Formfindung ist wie ein Spiel, auf das man sich einlassen muss, und während der Realisierung, also dem Bohren, Biegen, Zusammenschweißen, kommen mir dann oft neue Ideen, wie ich das Thema weiterführen könnte.

Inspirationsquellen sorgen für die Ideenfindung

Es gibt für die einzelnen Arbeiten hin und wieder Anregungen von anderen Künstlern. So ist das Motiv der aneinander gesetzten quadratischen Felder ein uraltes Motiv, das sich bereits bei Paul Klee findet. Auch das illusionistische Element, etwas vorzutäuschen, was so eigentlich gar nicht sein kann, ist ein gängiges Stilmittel der Kunst, aber eine direkte Inspirationsquelle kann ich nicht benennen. Die Objekte entstehen durch Weiterentwicklung des Prinzips. Als Inspirationsquelle für künstlerische Verschnürungen habe ich, leider erst vor kurzem, vornehmlich englische Internetseiten gefunden, bei denen es die tollsten und verrücktesten Lösungen gibt, wie man zwei Stoffstücke miteinander kunstvoll verbinden kann. Die englischen Internetseiten haben mich zu Zierstichen inspiriert, die einem Kreuzstich ähnlich scheinen. Ich bin gespannt, wie sich das weiterentwickelt.

Und auch wir sind gespannt, welche Kunstwerke Hans-Dieter Heckes zukünftig kreieren wird. Auf zwei großen Messen war er mit diesen bereits vertreten. Vielleicht stößt man somit beim nächsten Messebesuch auf seine Werke. Ein Blick auf die Seite des Künstlers empfehlen wir ebenfalls: www.heckes-bonn.de